Rezensionen – Die Erde tanzt und bebt – der Himmel weint: „Erdentanz“ von Oka Rusmini

von Karl Mertes

Mal wieder typisch Horlemann: Der auf zeitgenössische Literatur aus Indonesien spezialisierte Verlag hatte einen guten Riecher. Mit der gelungenen Übersetzung durch Birgit Lattenkamp liegt nun einer der Romane vor, die in Indonesien viel Aufsehen erregen: Junge Autorinnen setzten sich kritisch mit kulturellen sowie zeitgenössischen Fragen auseinander. Oka Rusmini tut dies mit einer Geschichte über die verworrene und verschlungene Situation balinesischer Frauen. Die Auseinandersetzung mit der Zugehörigkeit zu den religiös und gesellschaftlich definierten Kasten, Hoffnungen auf sozialen Aufstieg, Risiken der Bewahrung überlieferter traditioneller Werte und Erfahrungen mit der künstlerischen Be(s)tätigung als Tänzerin sind die Kernthemen der Erzählung „Erdentanz [Tarian Bumi]“

Die Kultur eines Volkes bleibt nicht dadurch bewahrt, dass man sie konserviert
. . . stellt eine Tanzlehrerin gegenüber der jungen Ida Ayu Telaga Pidada fest. Sie ist die Tochter von Ida Bagus Ngurah Pidada und Jero Kenanga, die vor ihrer Einheirat in die Brahmanen-Familie als Angehörige der niederen Kaste der Sudras Luh Sekar hieß. Gemeinhin verbinden wir mit dem Gesellschaftsbild des Kastenwesens zunächst die Situation in Indien  – doch auch in Bali existiert auf der Basis der lokal geprägten hinduistischen Glaubensvorstellungen eine Kasten-Struktur. Oben sind traditionell die Brahmanen(= Priester) angesiedelt, ihnen folgen die Satrias (Adel, Krieger), dann die Wesias (Kaufleute) unten in der Hierarchie schließlich die Sudras (Knechte, Dienstleister). Die durch Geburt erlangte Zugehörigkeit spiegelt einen gesellschaftlichen Rang und hat für rituelle Zeremonien ihre Bedeutung; politisch oder wirtschaftlich ist vor allem heutzutage die Zuordnung nicht von Belang. Auf Bali sind Kastenlose nicht bekannt.

In Rusminis Geschichte spiegeln sich nun Konflikte zwischen Angehörigen der oberen Kaste der Brahmanen und der niedrigen Schicht der Sudras ab:
Eine gute und anerkannte Tänzerin der niedrigen Kaste, eben Luh Sekar, ist ehrgeizig. Sie sucht und findet einen Brahmanen als Ehemann, Nachkomme einer verarmten Priesterfamilie, in der zudem die Mutter aufgrund ihrer Herkunft das Sagen hat. Luh Sekars Vater wurde der PKI zugerechnet, was den Eheschluss noch erschwert aber nicht verhindert. Luh Sekar erhält nach der Vermählung den Namen Jero Kenanga. Aus dieser Ehe geht eine Tochter hervor, Ida Ayu Telaga Pidada. Diese verfällt nun als ebenfalls herausragende Tänzerin – nicht standesgemäß – in Liebe zu einem genauso guten Tänzer, Wayan Samitha, der allerdings der niedrigen Sudra-Kaste angehört. Beide haben eine Tochter, Luh Sari.

Wohlverhalten steht über Wohlergehen
Die in „Erdentanz“ beschriebenen verwandtschaftlichen Beziehungen kreieren freilich mehr Unsicherheit als familiären Frieden, geschweige denn eine soziale Absicherung. Die Hin- und Her-Heiraterei bringt erkennbar das gesellschaftliche Gefüge durcheinander. Als Wayan Samitha, der sich auch als Maler einen Namen gemacht hatte, früh stirbt, muss die Brahmanen-Tochter Telaga sich schließlich ganz aus ihrer Familie, ihrer Kaste lossagen. Statusfragen dominieren die individuelle Lage der einzelnen Frauen. Zudem kann von einer Gleichheit der Geschlechter nicht die Rede sein, da prinzipiell patriarchalische Strukturen den Alltag bestimmen. Die Kasten- und Klassenstrukturen bieten zwar auf der einen Seite Orientierung und vermögen, Identität zu stiften; auf der anderen Seite schaffen sie aber auch Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten. Ökonomische Faktoren spielen letztlich in der Geschichte auch eine Rolle, weil die Sudras in Abhängigkeit der Brahmanen stehen.

Zeitlos und allgemeingültig
Dayu Oka Rusmini, geboren 1967, ist bekannt geworden, weil sie in Romanen, Kurzgeschichten und Gedichten aktuelle gesellschaftliche und soziale Fragen aufgreift. Sprachlich ausdrucksstark und sachlich präzise schildert sie nun in „Erdentanz“ den latenten Konflikt zwischen adat und dem Willen zur individuellen Selbstbestimmung. Der Kampf der Frauen um die Verwirklichung ihrer Vorstellungen von Glück will nicht in das soziale Umfeld passen. Liebe und Lust stehen im Kontrast zu Leid und Leistung. Der Roman erschien 2000, also in der Zeit des Umbruchs der  Post-Suharto-Ära, als es um reformasi und Demokratisierung und Dezentralisierung ging. Ohne konkret erkennbaren aktuellen Bezug, weil ohne Orts- und Zeitangaben, erfährt der Leser eine authentische Beschreibung gegenwärtiger Verhältnisse in dem Mikrokosmos von Bali. Die Protagonisten können getrost anonym bleiben, weil es so oder so ähnlich gewiss viele übertragbare Situationen gibt.

Manche Passagen musste der Rezensent zweimal lesen, sich gar einen Stammbaum der verwandtschaftlichen Beziehungen aufzeichnen, weil die familiären Zusammenhänge nicht direkt merkbar waren. Diese sind aber letztlich auch egal, weil es Rusmini um Grundsätzliches geht: Um Wertvorstellungen und die Anerkennung und Behauptung des Individuums in der Gesellschaft, insbesondere um die Frauen.

Rusmini führt den Leser durch Dialoge und Reflexionen durch den Roman, und man kann vermuten, dass eigene Erfahrungen die Schilderungen prägen. Ein lesenswertes und spannendes Buch also, in dem wir etwas über Verpflichtungen gegenüber der Tradition und Herausforderungen der Moderne erfahren.

Oka Rusmini
Erdentanz – Roman aus Bali
Bad Honnef 2007 / Horlemann Verlag
ISBN 978 – 3 – 89502 – 234 – 0