Interview: Sind Games sexistisch und Gamer frauenfeindlich?

Ich habe mit dem Journalisten Niklas Golitschek ein spannendes Interview für einen Beitrag zum Thema „Games und Sexismus“ gehabt, das ich euch gerne in voller Länge präsentiere. Das ist ein Reizthema, aber Games sind da weiter als andere Mediengattungen. Ich werde mich auch mal dem Thema Rassismus und Klischees in Games widmen und das vergleichen mit anderen Medien.

Im Casual-Gaming kommt  es des Öfteren zu sexistischen Beleidigungen gegenüber weiblichen Mitspieler. Was sind die Gründe dafür?

Ich glaube das ist ein grundsätzliches Problem des Internets. In Social-Networks oder Foren gibt es seit es das Internet gibt die Problematik mit den „Trollen“ und da es im Internet eine gewisse Anonymität gibt, was im Grunde ja auch gut ist, kommt es auch vor, dass in Kommentaren persönlich verletzt wird. Da hat man schnell eine Strategie dagegen entwickelt, nämlich die „Netiquette“. Das heißt: „Wie verhalte ich mich im Netz“ damit ich niemanden beleidige und was passiert, wenn ich das tue .Und ich glaube Gamer sind nicht sexistischer als andere Gruppen – im Gegenteil. Ich glaube bei Gamern ist die Offenheit sogar größer.

Wenn solche Verstoße in der Liga passieren, wie gehen sie dagegen vor?

Wir verfolgen solche Verstöße rigoros. Die User werden abgemahnt, sie werden bestraft und es gibt auch einen Selbstreinigungsprozess innerhalb der Community. Wenn ein Spieler jemanden beleidigt- sei es rassistisch oder frauenfeindlich –  dann achten auch die Mitspieler darauf. Dann schalten sich die Administratoren ein und der Spieler wird abgemahnt oder gesperrt. Da ist die Community selbst sehr, sehr streng. Genauso wie mit dem Cheaten.  Es gibt eine Selbstregulation durch die Community. Wo diese Selbstregulation nicht reicht, da schreiten wir ein; dazu sind wir auch juristisch verpflichtet.

Wie sollen betroffene Personen mit solchen Beleidigungen umgehen?

Das Internet ist ein geschützter Bereich. Wie in jeder sozialen Gruppe hat es eine eigene Sprache [„Leedsprache“]. Auf nahezu jeder Website, sei es das Heise-Forum oder Spiegel-Online, gibt es Beleidigungen und Häme. Das ist eben das Internet und man darf das nicht persönlich nehmen. Es ist denke ich sehr wichtig die Betroffenen so stark zu machen, dass sie das auch erkennen. Dies gehört auch zum Thema Medienkompetenz. Wenn es jedoch persönlich wird ist es jedoch die Aufgabe der Betreiber, das Fehlverhalten zu bestrafen.

Gib es auch positive Fälle, in denen Frauen besser behandelt werden?

Ja. Die ESL ist beispielsweise überwiegend von Männern dominiert. Wir reden hier über eine Altersgruppe von 16-25 Jahren. Die jüngeren Spieler befinden sich noch in der Pubertät. Für sie spielt Sex und das andere Geschlecht natürlich eine sehr wichtige Rolle. In der Community werden Frauen dadurch oftmals bevorzugt behandelt. Das ist nicht negativ. Es kommt vor, dass die Spielerinnen dann angehimmelt werden und viele Kommentare in ihre Gästebücher bekommen. Man kann sagen sie werden angeflirtet. Einige der Mädchen wissen das zu schätzen, wobei es andere wiederum nervt. Aber das ist normal in dieser Zeit.

Also sind die weiblichen Spieler durchaus auch in der männlichen Szene aktzeptiert?

Frauen haben es in dieser Branche leider schwerer. Vor allem die professionellen Spielerinnen müssen sich beweisen. Es gibt gewisse Vorbehalte gegenüber Spielerinnen. Das hat damit zu tun, dass der eSport und das Gaming, wenn es lebensstil-prägend ist, dazu tendiert die Anderen auszugrenzen. Gaming ist eher ein Jungenhobby, weshalb bei vielen Frauen erst einmal als skurril wahrgenommen werden; vor allem im Shooter-Bereich. Dort spielen weniger Mädchen, aber dennoch gibt es Spielerinnen, die in diesem Genre aktiv sind. Diese haben es nicht schwerer als andere Männer, aber sie müssen sich durchsetzen; auch gegen die Vorbehalte. Aber das ist nicht ungewöhnlich. Es gibt Beispiele, in denen sich Frauen bereits in der Männerszene etablieren konnten, da sie sich nicht haben unterkriegen lassen.
Diesen Prozess wollen wir in der ESL allen Spielerinnen ermöglichen und haben deshalb eine Frauen-Sektion eröffnet, in der die Spielerinnen unter sich sind und die Umgebung kennenlernen können. Wir möchten ihnen damit die Angst nehmen und ihnen einen geschützten Bereich bieten.

Der eSport ist in dieser Hinsicht auch viel weiter als andere Gaming-Communities. Der eSport speziell hat jedoch weniger Probleme mit der Vermischung der Geschlechter, da es den Frauen freisteht, ob sie untereinander oder aber auch mit Männern spielen wollen. In klassischen Sportvereinen ist diese Trennung heute noch wesentlich strikter als im Gaming-Bereich.
In dieser Hinsicht sind wir moderner als andere Mediengattungen, wie zum Beispiel die Filmindustrie. Denn was diese teilweise in Filmen für Frauenbilder transportiert wird, entspricht wesentlich mehr der Frau als Sexsymbol. Zwar gibt es auch Heldinnen wie Lara Croft, die den weiblichen Indiana Jones darstellt. Doch die Bond-Girls stellen meist nur Sexsymbole dar – und das sind sie ja auch für ihn. Ein modernes Frauenbild wird in Hollywood aber nur selten überliefert.

Die Zahl der Frauen, die sich auch MMORPGs widmen und sich für Videospiele interessieren, steigt. Woher kommt der Trend? Durchlaufen Videospiele momentan die gleiche Phase wie einst der Fußball?

Videospiele als Ganzes werden schon lange von Frauen in einem großen Umfang genutzt. Früher war das Internet rein männlich dominiert. Mittlerweile ist der Anteil, wie in der Bevölkerung auch, fifty-fifty. „Die Sims“ zum Beispiel ist das erfolgreichste Videospiel aller Zeiten und nicht nur Frauen spielen es. Hier sind 52 Prozent weiblich und 48 Prozent männlich. Dort haben wir schon diese Gleichverteilung. Das zeigt, dass Frauen mittlerweile genauso Videospiele spielen, wie Männer auch. Jedoch sind die Titel unterschiedlich verteilt. In World of WarCraft liegt der Frauenanteil inzwischen auch bei über 50 Prozent, wohingegen Shooter weniger Frauen ansprechen. Das liegt am Thema: Denn Taktik-Shooter sind eher ein männliches Thema und sie sind auch stärker wettbewerbsorientiert. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Frauen nicht so wettbewerbsorientiert wie Männer erzogen werden. Ich behaupte nicht, dass das genetisch bedingt ist, sondern von den sozialen Rollen abhängt. In dieser Gesellschaft werden Frauen nicht so stark auf Wettbewerb getrimmt wie Männer. Aus diesem Grund sind in Deutschland viel weniger Frauen in Führungspositionen, als in anderen Ländern. Denn Frauen werden mehr auf die sozialen Berufe vorbereitet. Das hört sich zwar klischeehaft an, aber es ist so; das ist eine Erziehungsgeschichte und deswegen finden Frauen es weniger interessant eSport zu praktizieren. Allerdings ist der Zuschaueranteil von Frauen wesentlich höher als der aktiv spielenden. Dort ist auch die Parallele zum Fußball. Fußball ist eine klar männlich dominierte Sportart – und schon ewig gewesen. Frauenfußball war in Deutschland sogar eine Zeit lang verboten! Inzwischen stellt sich der Fußball jedoch wesentlich breiter auf. Während früher hauptsächlich die „Randalierer“ ins Stadion gingen, ist der wöchentliche Gang ins Stadion heute eher eine Familiensache. Dieser Trend ist seit der WM 2006 in Deutschland stark zu beobachten. Dort gehen auch die Mädchen mit. Frauen spielen nicht mehr als früher, aber gucken häufiger zu und feiern auch mit. Das gleiche Phänomen findet man bereits heute im eSport, wenn auch in abgeschwächter Form. Die Offline-Veranstaltung werden immer mehr gemischt, da die Männer auch ihre Freundinnen mitbringen und diese sich auch für diese Veranstaltung interessieren. Bei ESL TV beispielsweise liegt die Anzahl der weiblichen Zuschauer bei knapp 20 Prozent – und das ist unglaublich viel. Denn der aktive Anteil liegt bei gerade einmal 5 Prozent.

Aber auch in Shootern wie eben „Counter-Strike“ findet sich ein steigender Frauenanteil. Woher kommt dieser Trend, auch wenn Frauen nicht so auf Erfolg getrimmt sind?

Das liegt daran, dass immer mehr Frauen auch Games spielen, egal welches Genre. Videospiele sind inzwischen in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Mittlerweile gibt es Manager und Bundesminister, die Shooter spielen und sich dazu bekennen. Das heißt: Die Leute, die mit Shootern aufwachsen werden älter, Väter und Großväter, und immer mehr Frauen lernen auch die Vielzahl der Videospiele kennen. Das sind nicht nur Casual-Games, sondern eben auch eher die „Szene-Games“. Frauen haben dadurch auch mehr Spaß an den anspruchsvolleren Spielen und nicht nur den einfachen Titeln. Manche Bereiche wachsen dadurch mehr und andere weniger. Ich persönlich glaube, dass die Shooter nie ein fifty-fifty-Verhältnis erreichen werden. Denn bislang ist in jeder Sportart, in der gekämpft wurde, der Frauenanteil geringer geblieben – egal ob Karate oder Judo. Ein gutes Beispiel dafür ist auch Paintball. Es gibt Frauen, die sich dafür interessieren, dennoch ist der Männeranteil wesentlich höher. Solange die Gesellschaft so bleibt, wie sie ist und die Frauen nicht auf Wettkampf getrimmt werden, glaube ich nicht, dass Frauen in Shootern den gleichen Anteil erreichen werden. Dennoch wird er weiter steigen.

Wie sehen sie die zukünftige Entwicklung für die weibliche Casual- und Profiszene? Werden Gamerinnen mehr Akzeptanz erlangen oder den Männern sogar gleichgestellt werden?

Ich glaube der eSport ist in dieser Hinsicht sogar besser aufgestellt als beispielsweise der Fußball. Denn hier dürfen Frauen sogar bei den Männern mitmachen, sofern sie gut genug sind, und innerhalb der Turniere mitspielen. Es gab schon den Fall, dass ein reines Frauenteam an der ESL Pro Series, vergleichbar mit der Bundesliga im Fußball, teilnahm. In einem anderen Team dieser Liga gab es auch eine Frau unter den Männern, da sie mit ihnen mithalten konnte. Es gibt also nicht die Vorschrift, dass keine Frauen mitspielen dürfen. In dieser Hinsicht sind wir fortschrittlicher. Im eSport zählt nur die Leistung. Und wer sich behaupten kann ist da und wird auch von der Community akzeptiert; seien es nun Männer oder Frauen. Kommerziell betrachtet können Frauen also genau so von den Turnieren und Ligen profitieren, wie die Männer. Signifikante Unterschiede gibt es wie im Fußball nicht.

Es ist auch ein weiterer Trend im eSport zu beobachten: Die Shooter verlieren immer mehr an Bedeutung. Am beliebtesten sind momentan die beiden Strategiespiele „StarCraft II“ und „League of Legends“. In League of Legends ist der Frauenanteil sehr viel höher als in „Counter-Strike“; sowohl bei den Spielerinnen, als auch bei den Zuschauerinnen. Das liegt auch am Thema: Es ist sehr viel bunter und es ist nicht so kampfbetont, da es Moba [Multiplayer online battle arena] ist. Dennoch gibt es Figuren, die ihre Eigenarten und spezielle Fähigkeiten haben und das reizt Frauen.

Warum hat die Fußballsimulation FIFA zwar sehr hohe Verkaufszahlen, aber nur so ein kleines Publikum?

Ich finde es schade, dass Zuschauer sich für Sporttitel weniger stark interessieren. Denn im eSport sollte eine große Auswahl an unterschiedlichen Titeln vorhanden sein. Es ist jedoch so, dass FIFA für Spieler sehr viel spannender ist, als für die Zuschauer. In den kommenden Versionen werden mehr zuschauerfreundliche Elemente in das Spiel eingebracht werden. Das Problem ist, dass die Simulation der Realität den Zuschauer nicht so sehr reizt. Im eSport werden diese Zuschauerelemente jedoch immer wichtiger. Das belegen uns auch die Zuschauerzahlen. Die Beobachter wollen von den Bildern verzaubert werden. Sie wollen etwas Ungewöhnliches sehen. StarCraft oder League of Legends sind andere Welten. Es sind kräftige, dramaturgisch spannende Welten, die mit der Realität nichts zu tun haben. FIFA hingegen ist zwar ein anspruchsvolles Spiel. Als visuelles Erlebnis hat man allerdings eine digitalen Entsprechung des klassischen Fußballs. Da sagen sich die Leute: „Warum soll ich mir das anschauen?!“

Es gab und gibt eine sehr stabile und  treue Community in FIFA. Aber der Titel ist abgeschlagen, weil in anderen Spielen dieser Zuschauereffekt angezogen hat.
Vor allem im Zuschauerbereich verzeichnen Videospiele ein exponentielles Wachstum. Bei ESL TV verzeichneten wir im letzten Jahr ein Wachstum von 300 Prozent! Und dort wird in Zukunft die Musik spielen. FIFA hat zudem bisher auch nur sehr wenige Frauen interessiert.
Das gleiche Phänomen erleben wir auch in Rennspielen wie „Need for Speed“ oder „Live for Speed“. Die Spiele machen Spaß, sind aber eben langweilig anzuschauen und können mit den momentanen Trends nicht mithalten. Die Zuschauerzahlen sind katastrophal. In Realität sind diese Sportarten viel interessanter. Der Zuschauer sieht Crashs und spannende Überholmanöver – mit realen Personen. Das hat eine ganz andere Dramaturgie. Diese Dramaturgie, von denen der eSport lebt, fehlt in Simulationen. Diese bieten nur Spiele, die nicht der Realität entsprechen. Sie sind spannend anzuschauen.

9 Kommentare

  1. Da gibt es doch einen Widerspruch: weshalb wird einerseits behauptet, dass der eSport weniger Probleme mit Sexismus hätte (Zitat: „als andere Gaming Communities“), andererseits dass weniger Wettbewerbsorientierung Frauen daran hindere überhaupt erst in den eSport zu gehen?

    1. Hi Jürgen, das ist kein Widerspruch. Denn es liegt nicht an der Struktur des eSports oder den Statuten, dass weniger Mädchen und Frauen aktiv sind. Wenn dem so wäre, dann müsste man von einer strukturellen Benachteiligung sprechen.
      Wir erleben bei Turnieren und Events, dass professionelle Spielerinnen in der Szene akzeptiert und bewundert werden und man eher (auch in den Foren und bei den Kommentaren) von einem positiven Sexismus sprechen kann.

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