Ich erinnere mich noch genau an die Nachmittage in der Stadtbibliothek. Für mich war das nicht nur ein Ort mit Büchern, sondern ein Zufluchtsort. Ein Fenster in eine Welt, die sich meilenweit von meinem Alltag entfernt anfühlte. Während draußen das „echte Leben“ tobte, saß ich zwischen den Regalen und spürte diesen unglaublichen Hunger nach Wissen. Aber ich spürte auch etwas anderes: leise Unsicherheit. Gehöre ich hier wirklich hin? Verstehe ich die ungeschriebenen Regeln dieser Welt?
Und vor allem: wie war ich in diese Welt geraten? Hatten meine Eltern mich da angemeldet? Nein, nur der Zufall und eine wachsame Mentorin – unsere Nachbarin – hat mich an die Hand genommen.
Es war genau dieses Gefühl der „Passlosigkeit“, das mich später zu Pierre Bourdieu führte. Seine Analysen zur sozialen Ungleichheit haben mir nicht nur die Augen geöffnet, sondern auch meine Studienwahl maßgeblich beeinflusst. Ich wollte verstehen, warum das System so tickt, wie es tickt.
In Deutschland feiern wir gerne das Narrativ vom „Selfmade-Erfolg“. Wir sagen: „Streng dich an, hol gute Noten, dann schaffst du alles.“ Aber wir müssen ehrlich sein: Fleiß allein reicht oft nicht aus. Der Bildungsaufstieg ist kein gerader Weg, sondern ein Hindernislauf voller unsichtbarer Barrieren.
Hier sind fünf Wahrheiten, die wir über den Aufstieg in Deutschland endlich aussprechen müssen:
1. Herkunft ist (leider) immer noch Schicksal: oder die Macht des „Habitus“ nach Pierre Bourdieu
Wir reden viel über Meritokratie, aber die Zahlen erzählen eine andere Geschichte. So schaffen es von 100 Kindern aus Nicht-Akademiker-Familien nur 12 an die Universität. Bei Akademikerkindern sind es 79.
Das ist kein Zufall, das ist System. Wenn Deutschland weniger in Bildung investiert als der OECD-Durchschnitt, zementieren wir diese Ungleichheit. Die Startlinie ist nicht für alle gleich – und das hat oft weniger mit Talent zu tun als mit dem Postleitzahlengebiet, in dem man aufwächst.
2. „Akademisch” ist eine kulturelle Fremdsprache.
Hier kommen wir zum Kern dessen, was mich im Studium so fasziniert hat. das Konzept des Habitus von Pierre Bourdieu. Damit beschreibt er die tief sitzenden Denk- und Verhaltensweisen, die wir durch unsere Herkunft verinnerlichen.
Wer als Erster in der Familie studiert, lernt zwei Sprachen gleichzeitig: den Fachstoff und den Habitus. Die Universität hat ihre eigenen Codes, ihre eigene Art zu sprechen und sich zu bewegen. Für viele Aufsteiger wirkt die Wissenschaftssprache wie eine Barriere. Das führt oft zu einer „immanenten Zurückhaltung“. Man traut sich beispielsweise nicht, den Professor anzusprechen, weil er wie ein unnahbarer Halbgott wirkt. Aber wisst ihr was? Genau dieser Kampf mit den unsichtbaren Regeln schärft eure Wahrnehmung und eure Anpassungsfähigkeit.
Für mich war das Verständnis von Bourdieu der absolute Gamechanger. Ich begriff, dass mein Zögern und meine Distanz zu den „Halbgöttern“ im Hörsaal kein individueller Mangel waren, sondern das Ergebnis meiner sozialen Prägung. Diese Erkenntnis hat mich so sehr bewegt, dass ich mein Studium genau darauf ausgerichtet habe – ich wollte die Mechanismen von Macht und Distinktion durchschauen.
3. First-Generation Professionals: Eure Loyalität ist euer Marktwert.
Oft wird nur über das gesprochen, was uns „fehlt“. Ich sehe das anders. Wer sich den Weg nach oben erkämpft hat, bringt eine Resilienz mit, die man nicht im Hörsaal lernt. Die Zahlen der Boston Consulting Group (BCG) belegen das:
- 32 % höhere Loyalität gegenüber dem Arbeitgeber.
- 59 % höhere intrinsische Motivation.
Unternehmen, die das Potenzial von Bildungsaufsteigern erkennen, gewinnen die loyalsten und motiviertesten Köpfe. Wir sind keine „Defizit-Träger“, wir sind die Motoren für echten Wandel.
4. Das Doppelleben: Die Scham des Erfolgs
Der Aufstieg hat einen Preis, über den selten gesprochen wird: die Entfremdung. Man lebt zwischen zwei Welten. Plötzlich ist man zu Hause „der Studierte“ und fühlt sich in der neuen akademischen Welt oft wie ein Hochstapler (Stichwort: Imposter-Syndrom).
Der Soziologe Didier Eribon schrieb, dass es leichter sei, über intimste Geheimnisse zu sprechen, als über soziale Scham. Dieses Gefühl, nirgendwo mehr so richtig „ganz“ zu sein, ist eine enorme psychische Last. Wir müssen lernen, unsere Herkunft nicht als Makel, sondern als Teil unserer Identität zu begreifen.
5. Mentoring: Gib die Leiter weiter
Individuelle Anstrengung ist die Basis, aber Netzwerke sind der Beschleuniger. Organisationen wie ArbeiterKind.de sind deshalb so wichtig, weil sie genau dort ansetzen, wo das Elternhaus nicht weiterhelfen kann. Es geht um:
- Sichtbarkeit: Vorbilder zeigen, dass es machbar ist.
- Social Capital: Zugang zu den „Shortcuts“ in die Berufswelt.
- Kulturelles Kapital: die ungeschriebenen Gesetze verstehen und für sich nutzen.
Mein Impuls für dich: Es reicht nicht, die Türen zu den Universitäten und Unternehmen einen Spalt breit zu öffnen. Wir müssen dafür sorgen, dass die Menschen, die durch diese Türen gehen, ihr Gesicht nicht verlieren müssen. Echte Chancengerechtigkeit beginnt dort, wo wir Vielfalt nicht nur verwalten, sondern wertschätzen.
Meine Frage an dich: Welchen „Code“ musstest du in deiner Karriere erst mühsam lernen? Und wie können wir es der nächsten Generation leichter machen?
Lass uns die Leiter nicht nur hochklettern, sondern sie für andere festhalten.
